Mittwoch, 31. Oktober 2012

Gedichte (122)

Kassettenkind


In lang vergangenen Kindertagen
konnt ich’s oft nur schwer ertragen
Wie schrecklich zäh die Zeit verstrich
Zum Glück gab’s einen Trost für mich:

Mein blau-schwarzes Kassettendeck
Stets bereit für neuen Stoff
Erzählte mir von Spaß und Schreck
Von noblen Taten und von Zoff

In frühen Jahren Hand in Hand
Benjamin Blümchen, der Zoo-Elefant
Hat mit Otto seinem besten Freund
Und Karla Kolumna die Stadt aufgeräumt

Später Alf, der bei Tanners lebte
Von Melmac hier zur Erde schwebte
Klein, mit braun behaarten Tatzen
Und hungrig auf das Fleisch von Katzen



Der Drache Flitze Feuerzahn
Als Kind schon an der Autobahn
Von seinen Eltern ausgesetzt
Doch mittlerweile gut vernetzt
Mit Rabe Raps voll Sturm und Drang
Und dem Captain Buddelmann

Ungestüm waren eh und je
Die Bande der TKKG
Tarzan, Karl und Klößchen
Mit der damals noch neuen Note
Und Gaby, die Pfote
In jener Millionenstadt
Die viel zu viel Verbrecher hat

Oft ging’s mit Bob, Peter und Justus,
Zum Knacken mancher harten Nuss
Von Rocky Beach am Schrottplatz Jonas
Sogar bis hin zum Amazonas
Sie konnten schwere Fälle lösen
Stets im Kampf gegen die Bösen
Denen sie die Karte reichen
Die legendären drei Fragezeichen

Und heute, viele Jahre später
Ist nach wie vor alles beim Alten
ich wuchs zwar viele Zentimeter
bekam Bartwuchs und erste Falten

Doch wenn schrecklich zäh Tage verstreichen
Bin ich oft schwer zu erreichen
Da surrt das iPhone vergeblich
Dann gibt’s klassischen Trost für mich:
Dann hör ich die drei Fragezeichen

Gedichte (121)

Ich wäre gern ein alter Mann



Ich freu mich schon auf meine Rente
Sitz stundenlang entspannt im Park
Füttere mal hier ne Ente
Geh mal da ein Stück spazieren
Ess selbst ganz viel Pürree und Quark
Hab Zeit zu Schreiben, Zeit zu lesen
Lass vom Essen mich verführen
Nie ist es so entspannt gewesen

Jetzt ist Zeit es zu genießen
Landschaft, Leben und Kultur
Seh die Blumen wie sie sprießen
Bestaune Wunder der Natur

Am Abend setze ich mich dann
Schön gemütlich an mein Fenster
So dass ich alles sehen kann
Nicht Tiere oder gar Gespenster
Nein, ich mein die jungen Leute
Ausgehfreudig auf der Balz
Beschau mir ruhig die ganze Meute
Öle mir noch kurz den Hals

Dann bring ich laut Beschwerden an
Dass früher alles besser war
Frau noch Frau und Mann noch Mann
Musik noch gut, Freundschaft noch wahr

Die Hosen längst nicht so zerrissen
Keine Piercings und Tattoos
Die Schuhe noch nicht so verschlisssen
Keine Handys, mehr Tabus

Den ganzen Abend wird gepöbelt
Jeder lässt mich alten Mann
Ich sitz da, ganz unvermöbelt
Und schau mir ihren Ärger an

Frei von der Leber weg zu schießen
Und den ganzen Lebensrest
Narrenfreiheit zu genießen
Ich weiß schon jetzt:
Das wird ein Fest

Gedichte (120)

Einen wunderschönen guten Tag,

der nächste Teil von "Hinter verschlossenen Türen" lässt leider noch etwas auf sich warten, dafür gibt es jetzt erstmal ein paar Gedichte. Da ich auch dieses Jahr wieder am National Novel Writing Month teilnehme, wird es den nächsten Teil der Erzählung leider erst Mitte Dezember geben, dafür kommen sie ab da dann auch wieder schön regelmäßíg.
Ich wünsche euch viel Spaß mit den Texten, die für den gestrigen Dichtungsring entstanden sind.

Beste Grüße
Arno / Larry

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S-Bahn fahren

Und schon wieder S-Bahn fahren
Um mich herum blühen Geschichten
Manch einer tönt mit Großgebahren
Ein anderer ruht zwischen zwei Schichten
So viele beisammen und jeder allein
Zwischen Trends und Moden
Zwischen Sein und Schein
Sie blicken zu Boden
Und sehen sich nicht
Ich sitz hier inmitten
Und schreib ein Gedicht
Über Wünsche und Bitten
Und all jene Sachen
Die die Wesen um mich
Zu Menschen machen
Die in jedes Gesicht
Die Züge meißeln
Und so viel erzählen
Wie sie sich geißeln
Und quälen
Was sie erleben
Wie sie ihr Geschick
In die Tage verweben
Meist genügt schon ein Blick
Und der Stoff reicht mir Jahre
Zum Schreiben und Grübeln
Das was ich erfahre
Dürft ihr mir nicht verübeln
Ich rate ja nur
Und interpretiere
Auf weiter Flur
Und analysiere
Was mir so
begegnet in meiner Welt
Ins Auge mir fällt
Tagtäglich in Scharen
beim S-Bahn fahren

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Hinter verschlossenen Türen (4)

Einen wunderschönen guten Tag,

hier kommt der vierte Teil meiner neuen Erzählung, diesmal allerdings vorerst nur im PDF-Format. Wenn weitere Formate (speziell Ebooks) gewünscht sind, schreibt mir eine kurze Mail oder einen Kommentar, das lässt sich machen.
Ich wünsche euch viel Vergnügen damit,

Mit den allerbesten Grüßen
Arno / Larry

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Hinter verschlossenen Türen - PDF

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4.  Kapitel

Peter betrat die Küche und blieb einen Moment stehen. Sein Blick schweifte durch den Raum, während er in tiefen Zügen ein- und ausatmete und die Stille genoss. Nicht dass es ihm im Gefängnis daran gemangelt hätte, doch diese hier war eine andere. Egal wie viele Androiden gerade das ganze Land nach ihm absuchen mochten, er war in Freiheit und konnte endlich wieder selbst über seine Zeit und seinen Umgang entscheiden. Wen er traf und mit wem er sprach, zumindest weitgehend. Die letzten Stunden waren viele Leute hier im Haus gewesen. Zuerst hatte er den Doc herbestellt und sein Bein schienen lassen. Der Doc hatte darauf bestanden, dass der Bruch dringend eingegipst werden musste, aber für sowas hatte Peter keinen Nerv. Er würde das Bein schonen so lange es ging, aber seine ersten Wochen in Freiheit würde er sicher nicht mit Gips am Bein im Krankenbett verbringen. Als der Doc gegangen war, hatte er Skinny losgeschickt um ihm Krücken zu besorgen und währenddessen hatte wohl die Nachricht seines Ausbruchs in seinem alten Wirkungskreis die Runde gemacht. Skinny war schon immer eine Plaudertasche gewesen, aber wenigstens wusste er, mit wem er plaudern konnte und mit wem nicht. Einige von Peters früheren Weggefährten hatten ihm die Aufwartung gemacht, natürlich alle ohne Informationen für ihn, über das was gerade so ablief, sehr diskret und irgendwie auch sehr distanziert. Sie hatten es nur nicht glauben können, dass der Ausbruch tatsächlich geglückt war, die erste Flucht aus einem Gefängnis dieser Größenordnung seit Jahrzehnten. Bei dem Gedanken an all das geschäftige Treiben ging es Peter durch den Kopf, wie absurd es war, dass der Großteil der Menschen tatsächlich draußen in dem Glauben herumlief, dass auf dieser Welt außerhalb der Universitäten niemand mehr arbeitete. Absurd, dass die Welt jenseits der Legalität so vollkommen aus allen Medien herausgehalten wurde. Keine Berichte, keine öffentlichen Daten. Die perfekte Illusion. Jetzt wurde es draußen langsam dunkel und der Besucherstrom im Haus war endlich abgeebbt. Zeit, Alessio und Adamo zu treffen und endlich zu hören, was für ein Coup das war, wegen dem sie ihn rausgeholt hatten. Er machte sich nicht die Illusion, zu glauben, dass sie ihn aus Nächstenliebe befreit hatten, oder weil sie seine Arbeit schätzten. Sie kannten sowas wie Treue nur soweit sie ihren Zielen diente. Die beiden würden sogar einander ohne mit der Wimper zu zucken die Köpfe abhacken, wenn es ausreichend von Nutzen wäre, dessen war er sich sicher. In ein paar Minuten würde Skinny runter kommen und ihn zu den beiden fahren. Er wusste jetzt schon, dass es ihm viel abverlangen würde, nicht aus der Haut zu fahren. Ihnen nicht all das an den Kopf zu werfen, dass ihm in der Zeit im Knast durch den Kopf gegangen war. Es war nicht seine Schuld gewesen, dass er dort eingesperrt gewesen war, sondern ihre. Und dafür, für diese endlosen Tage und Wochen die ihm gestohlen worden waren, gab es kein Verzeihen.
Sein Blick fiel auf den Brief, der auf der Ablage über dem halboffenen Geschirrspüler lag. War der an ihn gerichtet? Peter überflog ihn. Ein gewisser Micha offenbarte seinen Eltern seine Krebserkrankung und seinen Plan zu sterben. Was hatte es mit diesem Brief auf sich? Warum lag er hier einfach so herum? 
»Sind spurlos verschwunden die beiden.«
Peter erschrak, als eine Stimme plötzlich dicht hinter ihm sprach, und drehte sich um.
»Was meinst du?«
»Die Eltern von diesem Micha. Denen hat das Haus hier gehört. Sie müssen es, kurz nachdem der Brief kam, Hals über Kopf verlassen haben und sind nicht zurückgekommen. Einer von unseren Leuten, der hier normalerweise für den Park zuständig ist, hat was mitbekommen und wir nutzen das Haus jetzt für unsere Zwecke, ohne dass die Behörden was mitbekommen.«
»Können die beiden nicht jeden Augenblick zurückkommen?«
»Soweit ich von Alessio erfahren habe, steht das Haus jetzt schon eine Weile leer und von den Besitzern fehlt jede Spur. Er denkt nicht, dass sie zurückkommen. Schätze mal, sie haben es ihrem Sohn gleichgetan.«
Peter verzog das Gesicht.
»Kein schöner Gedanke, in dem Haus von Toten unterzukommen.«
Skinny machte eine wegwerfende Handbewegung und drehte sich zur Tür.
»Hatte ganz vergessen, dass du da ein bisschen zimperlich bist. Sind ja nicht hier gestorben, wenn sie überhaupt krepiert sind. Jetzt komm, deine Krücken stehen im Flur«, er grinste schief. »Unsere Herren und Meister erwarten dich.«

Die Luft war vom Rauch der Zigarren so diesig, dass man sie kaum noch atmen konnte. Peter schwenkte sein Whiskey-Glas langsam in seiner Hand und betrachtete den Mann, der sich gerade auf dem Stuhl ihm gegenüber niedergelassen hatte. Die Narbe am Kinn war neu, die Koteletten ein wenig länger als bei ihrem letzten Treffen. Hatte er schon immer so tiefe Geheimratsecken gehabt? Lewandowskis kantigem Gesicht sah man seine Intelligenz nicht an, er wirkte auf den ersten Blick wie einer der Halbaffen, mit denen sich Alessio und Adamo zu ihrem Schutz umgaben. Lewandowski dagegen war schon immer einer der cleversten Menschen gewesen, die Peter kannte. Sie hatten eine Weile zusammen studiert, bis Peter hingeschmissen hatte um sich den Dingen zu widmen, die ihm wirklich lagen. Lewandowski war der einzige den er kannte, der es schaffte, auf beiden Seiten zu spielen. Angesehener Dozent und Autor von unzähligen Artikeln und diversen wissenschaftlichen Büchern, und gleichzeitig einer der hellsten Köpfe was die Planung und Durchführung von Verbrechen im ganzen Land anging. Peter mochte den besseren Ruf haben und Lewandowski hatte nie Ambitionen gezeigt, ihn vom Thron zu stoßen, aber sie beide wussten, wer der Klügere von ihnen war.
»Ich passe.«
»All-In.«
Die Männer am Tisch hinter ihnen pokerten. Zu laut für Peters Geschmack. Die restlichen Männer und Frauen an den Tischen des kleinen Hinterzimmers warfen immer wieder genervte Blicke zur Pokerrunde.
»Du siehst älter aus«, sagte Lewandowski, der Peter musterte. »Ich hätte erwartet, dass das Gefängnis für dich ganz erholsam sein dürfte.«
»Wo kommt denn die Narbe an deinem Kinn her?«, entgegnete Peter, ohne auf das Gesagte einzugehen. »Hat dich deine Frau wieder verprügelt?«
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Lewandowskis Gesicht. Er hatte Peter vermisst. Zeit, zum Thema zu kommen.
»Wie war das Treffen mit Alessio? Alles im grünen Bereich zwischen euch?«
Peters Miene wurde einen Tick ernster, aber er hatte seine Gesichtszüge gut im Griff.
»War schon okay. Er hat mir erzählt was sie planen und wofür sie mich brauchen. Findest du es nicht ein bisschen krass in deinem eigenen Institut zu stehlen? Gab es da nicht mal einen Satz, dass man nicht da aufs Klo geht, wo man isst oder so ähnlich?«
Lewandowski machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Wir gehen da ja auch nicht mit meiner ID rein und bitten sie freundlich, uns den Scheiß auszuhändigen. Deswegen habe ich Alessio und Adamo auch gesagt, dass ich die Aktion nicht leiten werde.«
»Und mich damit vermutlich aus dem Knast geholt.« Peter prostete seinem Gegenüber zu und trank aus.
Wenige Augenblicke später kam ein kleiner, verbeulter und an Armen und Oberkörper bereits stark angerosteter Roboter mit einer Flasche zum Tisch und schenkte ihm nach.
»War ein guter Nebeneffekt«, redete Lewandowski weiter. »Auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass sie es schaffen. Ich wüsste gerne, wo Alessio den Androiden herhatte, der dafür benutzt wurde. Wir müssen mal noch sicherstellen, dass der nicht nach Hause telefonieren kann, falls geplant ist, ihn weiter einzusetzen. Aber egal. Hast du schon Pläne, wie du die Sache in der Uni angehen willst? Und vor allem wann?«
»Das mit dem Wann ist einfach. Am 3.Oktober.«
Auf Lewandowskis vielsagenden Gesichtsausdruck erwiderte er: »Ich weiß, es ist knapp. War Alessios Idee, aber ich halte sie ausnahmsweise für ziemlich gut. Und zum Wie habe ich zumindest eine grobe Idee.«
Jetzt war es an ihm zu Grinsen.
»Funktioniert dein Implantat noch?«
Lewandowskis Blick war für einen Moment erstaunt, dann wurde er nachdenklich.
»Ich hab es ewig nicht benutzt, aber es sollte alles funktionieren. Es ist halt schon relativ alt.«
»Weiß jemand in der Uni davon?«
»Nein. Die Operation war illegal, das kann ich dort niemandem sagen, auch wenn es für die Forschung natürlich von Interesse wäre.«
»Wieso sind die Dinger eigentlich verboten?«
»Ich weiß es nicht genau, die Akten dazu sind unter Verschluss. Alles was ich mitbekommen habe war, dass in den 2030er Jahren eine Zeit lang damit ziemlich viel Schindluder getrieben wurde. Manipulation und Betrug, daraufhin wurden sie als gefährlich eingestuft und vom Markt genommen.«
»Und wie stellst du dir meine Aufgabe bei der ganzen Nummer vor? Was soll ich mit meinem Implantat machen?«
Am Tisch hinter ihnen knallte einer der Männer seine Karten auf den Tisch und fing an schallend zu lachen. Die darauf folgende stark alkoholisierte Diskussion wurde so laut, dass Peter sich zu Lewandowski hinüber lehnen musste, um die Antwort nicht brüllen zu müssen.
In knappen Worten erklärte er Lewandowski seinen Plan.
Am Schluss blickte dieser ihn ernst an. »Klar kann ich den Überblick behalten, Polizei und alles andere auch, aber für die Nummer drinnen brauchen wir Lisa-Marie oder jemanden, der genauso gut, genauso schnell und genauso flexibel ist.«
Er warf Peter einen forschenden Blick zu.
»Ich weiß. Und wir können uns nicht zu viele Mitwisser leisten. Aber selbst wenn wir sie aus dem Knast kriegen, dürfte das kein Spaß mit ihr werden.«
Die Diskussion der Pokerrunde hinter ihnen war kurz davor, in eine handfeste Kneipenschlägerei auszuarten.
»Wenn die noch mehr Lärm machen kommen bald die Cops und machen den Laden für immer dicht.«, sagte Peter.
Einer der Männer sprang auf und ließ blitzschnell ein Messer aufschnappen. Er drückte es dem, der eben noch so laut gelacht hatte an die Kehle:
»Zeig mal, was du da im Ärmel hast.«
Der Gefragte versuchte noch seinen Arm wegzuziehen, doch der Mann mit dem Messer griff zu und zog eine Spielkarte hervor. Die beiden brüllten aufeinander ein.
»Ich glaube es wird Zeit zu gehen«, sagte Lewandowski.