Mittwoch, 22. Februar 2012

Dem Ende entgegen (5)

Hallo zusammen,

weil's momentan so schön rund läuft, kommt hier der fünfte Teil der Geschichte. Wir nähern uns der Halbzeit!
Bezüglich der Gattungsfindung habe ich zumindest bei Wikipedia ein gutes Zitat über Novellen gefunden:

"Als Gattung lässt sie sich nur schwer definieren und oft nur in Bezug auf andere Literaturarten abgrenzen. Hinsichtlich des Umfangs bemerkte Hugo Aust, die Novelle habe oft eine mittlere Länge, was sich darin zeigt, dass sie in einem Zug zu lesen sei."

Ob das wohl das Richtige ist? Ich habe keine Ahnung...

Fühlt euch gegrüßt,
Sir Larry deVito

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Arno Wilhelm - Dem Ende entgegen - Download Kapitel 1 - 5

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Kapitel 5

Tim hatte sich auf eine Bank sinken lassen und versuchte, den Schmerz in seinem Rücken und seiner Hüfte zu ignorieren. Was für ein miese Idee es gewesen war, mit der U-Bahn zu fahren. Er wusste nicht genau, was ihn zu dieser Entscheidung bewogen hatte, aber er bereute sie im Moment zutiefst. Als er das letzte Mal in eine U-Bahn gestiegen war, konnten die Dinger noch nicht halb so schnell gefahren sein. Langsam drehte er die silberne Münze in seiner Hand, wegen der ihm nun sein Rücken so weh tat. Was hatte er auch während der Bahn-Fahrt mit ihr spielen müssen? Die Münze zeigte auf der einen Seite sein Profil und auf der anderen das von Helena. Am äußeren Rand waren ihre Initialen und das Datum ihrer Hochzeit eingraviert.
Es war sein Geschenk für Helena gewesen, an ihrem ersten Hochzeitstag. Am selben Tag an dem sie ihm die Taschenuhr geschenkt hatte. An dem Abend als sie gegangen war, hatte sie all ihre persönlichen Gegenstände aus der Wohnung mitgenommen, ihren Schmuck und ihre Klamotten, alles. Nur die Münze lag am nächsten Morgen noch in der Küche auf der Arbeitsplatte. Einzeln und trostlos, ohne eine Notiz und ohne eine Spur von ihr. An diesem elenden Morgen. Seither trug er sie immer bei sich und spielte immer dann mit ihr, wenn er besonders nervös war.
Auch die Situation in der U-Bahn war ihm unangenehm gewesen. Die hübsche blonde Frau neben ihm, die so penetrant laut Musik gehört hatte. Die ganzen Leute die ein- und ausgestiegen waren, mal dicht an ihn gedrängt, mal weit entfernt. Manche allein unterwegs, andere in kleinen Gruppen, aber alle so vollkommen anders als er, so fröhlich und vor allem so unglaublich nah. Ihre Stimmen, ihr Geruch. Er hatte sich sehr unwohl gefühlt. Warum war er überhaupt in die U-Bahn gestiegen? Was hatte er sich beweisen wollen? Möglicherweise eine Art Nähe zum „einfacheren“ Volk. Vielleicht hatte er versucht, wenigstens ein Stück zu sein wie sie, die er in den letzten Wochen so oft beneidet hatte. Was für ein lächerlicher Gedanke. Er war nicht wie sie, und würde es auch nie sein. Die Akademiker blieben unter sich und der Rest der Menschen wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Tief in Gedanken darüber versunken, hatte er vergessen, sich auf die Münze zu konzentrieren, nur deshalb war sie ihm aus der Hand gerutscht. Was für ein Glück, dass ihm der junge Mann geholfen hatte, nach seiner idiotischen Bauchlandung.
Eigentlich war der Plan gewesen, vom Restaurant bis nach Hause mit der U-Bahn zu fahren, aber er hatte sich in der Bahn zu sehr vor sich selbst und dem jungen Mann geschämt, als dass er sich einfach wieder hätte hinsetzen können und so tun, als wäre nichts gewesen. Es war nicht mehr weit, das bisschen konnte er jetzt auch laufen, auch mit schmerzender Hüfte. Ein bisschen frische Luft würde ihm gut tun.
Früher hätte er sich nach so einem Erlebnis sein Handy geschnappt, Helena von der ganzen Sache berichtet und gemeinsam mit ihr darüber gelacht. Sie hätte ihm von ihrem Tag erzählt und davon, was sie heute noch vorhatte. Wie sie gemeinsam den Abend verbringen könnten. Solche Sachen hatten sie in den letzten Monaten ihrer Beziehung vernachlässigt, auch wenn es ihm währenddessen nie wirklich aufgefallen war. Doch in den letzten Wochen hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Zeit zu überlegen, was zwischen ihnen schief gelaufen war. Er stand von der Bank auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Noch aus seinen Jugendjahren kannte er sich hier in der Gegend bestens aus, auch wenn er schon lange nicht mehr zu Fuß unterwegs gewesen war. Zeit war schließlich Geld.
Seine Taschenuhr verriet ihm, dass es jetzt Viertel vor Drei war. Punkt 15.00 Uhr hätte er eigentlich ein Treffen der Ausbildungskommission gehabt, und um 17.30 Uhr ein Meeting mit zwei vielversprechenden Doktoranden, aber die Termine hatte er beide schon vor Tagen abgesagt. Seine offizielle Begründung war gewesen, dass er noch an dem Paper für die Konferenz Anfang Januar schreiben musste. Theoretisch stimmte das, er hatte sogar schon ein Thema für das Paper gehabt, aber da er nicht vorhatte die Konferenz noch zu erleben, spielte es keine Rolle, ob seine Stellungnahme zum „Einfluss der neuesten Strömungen in der Datenspeicherung auf die Wirtschaftlichkeit der universitären Lehre“ rechtzeitig fertig wurde oder nicht.
Beim Gehen tat die Hüfte weniger weh, als sie es eben noch beim Sitzen auf der kalten Bank getan hatte, dennoch humpelte er leicht.
Langsam füllten sich die Straßen wieder mehr mit Passanten, die Mittagszeit war vorbei und jetzt gingen die Leute vermutlich zum nächsten Punkt in der Tagesordnung über. Oder sie gingen einfach von einem Lokal ins Nächste, was wusste er schon, dachte Tim schulterzuckend. Bloß weil er sie aus der Ferne beneidete, und bei seinen Studien manche ihrer Verhaltensweisen untersucht hatte, bedeutete das nicht, dass er verstand, wie die Durchschnittsbürger ihren Alltag verbrachten, und wie sich das für sie anfühlte.
Tim beobachtete die Leute um ihn herum, während er gemächlichen Schrittes nach Hause ging.
Auf der anderen Straßenseite erkannte eine kleine Gruppe von Studenten, die im letzten Semester gemeinsam mehrere Seminare bei ihm besucht hatten. Sie liefen in die entgegengesetzte Richtung. Die beiden jungen Männer waren vielleicht Mitte 20 und hatten beide lange Haare. Der eine war groß und so dünn, dass er wahrscheinlich nur knapp an der Grenze zur Magersucht lag. Im Gegensatz dazu war sein bester Freund recht kräftig. Neben seinem mageren Kommilitonen hatte er immer regelrecht fett gewirkt. Der dünne von beiden hieß Harald, wenn sich Tim richtig erinnerte, und der etwas korpulentere hörte auf den Namen Timotheus, wurde aber von den meisten Theo gerufen. Die beiden wurden von einer jungen Frau begleitet, an die sich Tim noch allzu gut erinnerte. Sie hieß Anna und war in den Kursen immer sehr aktiv und wissbegierig gewesen. Eine hübsche Frau mit einem glatten, fein geschnittenen Gesicht, einem schlanken, durchtrainierten Körper, den sie auch gerne in knappen, eng anliegenden Klamotten zur Schau stellte, und einem beeindruckend flinken Verstand. Ihre kurzen blonden Haare standen auch heute wieder in alle Richtungen vom Kopf ab. Tim hatte sie attraktiv gefunden, sicherlich. Sehr attraktiv, aber nicht mehr. Doch irgendwann im Laufe des Semesters hatte sie sich ein bisschen in ihn verguckt. Von einem Tag auf den anderen fing sie an, ihm kleine Zettelchen mit Liebesgedichten zu schreiben und zuzustecken. Nach den Sitzungen war sie immer noch etwas länger geblieben und hatte versucht mit ihm zu flirten. Ursprünglich hatte er vorgehabt, sie als eine seiner Doktorandinnen aufzunehmen, aber ihre immer deutlicheren Annäherungsversuche waren ihm zunehmend unangenehm geworden. Eines Tages, als sie nach dem Seminar allein im Raum gewesen waren, hatte Anna versucht ihn zu küssen und ihm dabei auch noch an den Hintern gefasst. Das war der Tropfen gewesen, der für ihn das Fass zum überlaufen gebracht hatte. Es war notwendig gewesen, ihr Grenzen aufzuzeigen, und das hatte er auch mit deutlichen Worten getan. Mit wässrigen Augen und gekränktem Stolz im Blick war sie einige Minuten später aus dem Saal geeilt. Von da an war sie in keinem seiner Kurse mehr aufgetaucht und auch die beiden Jungs nicht. Inzwischen hatte sie sich wohl erholt. Zumindest sah es so aus. Sie und dieser Harald hielten Händchen. Da hatte der junge Mann sicher den Fang seines Lebens gemacht, dachte Tim und musste lächeln.
Im selben Augenblick, als Tim so dastand und sie lächelnd von der anderen Straßenseite aus beobachtete, sah Anna zufällig herüber. Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Augenblick und Tim bildete sich ein, für eine Sekunde erneut verletzten Stolz in diesen schönen braunen Augen aufblitzen zu sehen. Stolz und etwas anderes, das er nicht einordnen konnte. Auf diese Entfernung musste es fast Einbildung sein, und doch spürte er ein flaues Gefühl im Magen. Ein Gefühl von Schuld, auch wenn er seiner Ansicht nach im Umgang mit der Studentin alles richtig gemacht hatte. Doch der Moment ging vorüber, Anna drehte sich zu ihrem Freund und ging weiter, ohne ein Zeichen, dass sie ihn gesehen hatte. Als hätte sie einfach durch ihn hindurchgeschaut.
Versunken in dieser Flut von Gedanken war Tim kurz stehen geblieben, doch jetzt trottete er weiter. Er fand es immer wieder aufs Neue befremdlich, dass er in einer so großen Stadt so oft Leute sah oder traf, die er kannte. Natürlich bewegte er sich normalerweise in erster Linie auf dem Campus, da war das abzusehen, aber auch in der Stadt selbst war es nicht anders. Selbst wenn er einmal im Jahrzehnt zu Fuß unterwegs war.
Als er eine Viertelstunde später sein Appartement erreichte, schwitzte er vor Anstrengung. Er spürte leichtes Seitenstechen von der ungewohnten sportlichen Betätigung und zu allem Überfluss schmerzten sein Rücken und seine Hüfte noch immer. Helena hätte jetzt bestimmt ein paar wunderbare Hausmittelchen parat gehabt. Kalte Umschläge oder so etwas.
Immer und immer wieder diese verdammten Gedanken an Helena, er wurde sie einfach nicht los. Sie verfolgten ihn, wohin er auch ging, was auch immer er tat. Von Morgens bis Abends. Selbst in seinen Träumen waren sie noch da. Er sah auf die Uhr. Zwanzig nach Drei. Nichteinmal mehr fünf Stunden, dann würde es vorbei sein, dachte er. Es wurde langsam aber sicher Zeit sich zu verabschieden.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Dem Ende entgegen (4)

Guten Morgen allerseits,

damit wieder ein bisschen Bewegung in den Blog kommt, hier Teil 4 der Geschichte. Da ich darauf hingewiesen wurde, dass der Begriff Kurzgeschichte für eine Geschichte mit 11 Kapiteln ein bisschen unpassend ist, und ich mir bei der Definition dessen, was eine Novelle ist, auch nicht sicher bin, muss ich mir noch überlegen, was in Zukunft die passende Bezeichnung dafür sein wird.
Ich hoffe es gefällt euch weiterhin,

Mit den herzlichsten Grüßen,
Larry deVito

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Arno Wilhelm - Dem Ende entgegen - Download Kapitel 1 - 4

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Kapitel 4

Zögernd und mit Tränen in den Augen ließ Micha den Telefonhörer sinken. Er hatte seiner Mutter nichts gesagt. Das Gespräch war wie immer gewesen, wie so viele, die sie in den letzten Jahren geführt hatten. Ein bisschen was übers Wetter, Mitteilungen, wer in der Verwandtschaft gerade was tat oder mit wem Streit hatte, ein kurzer Bericht darüber, dass es mit der Hüfte seines Vaters langsam wieder aufwärts ging, und dann noch die obligatorische Frage, wie es bei ihm denn eigentlich so lief. Einen kurzen Moment hatte er gestockt, sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn er es ihr sagte. Ihr sagte, was er vorhatte. Ein winziger Augenblick des Zögerns, doch der hatte gereicht um den ganzen Mut zunichte zu machen, den er sich für diesen Anruf zusammengekratzt hatte. Er hatte es einfach nicht fertig gebracht, ihre kleine heile Welt so zu zerstören. Es war feige, das wusste er, und es würde für sie wahrscheinlich viel schlimmer sein, wenn ihr im Nachhinein jemand anders diese Nachricht brachte, trotzdem hatte er sich nicht überwinden können. Nach ein paar kurzen Floskeln hatte er das Gespräch beendet und aufgelegt. Seine Hände zitterten und ihm war schlecht, doch wenigstens hatte der Hustenreiz wieder nachgelassen.
Sollte er sich nicht einfach zusammenreißen, nochmal anrufen und es hinter sich bringen? Mit einem flauen Gefühl im Magen streckte er die Hand aus, um zu wählen, ließ sie dann aber wieder sinken. Es war schon zu spät. Jetzt, wo sein innerer Schweinehund einmal gewonnen hatte, fehlte ihm die Selbstdisziplin, die Entscheidung noch zu ändern. Mit dem Handrücken wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht, dann legte er das Telefon aus der Hand.
„Feigling“, sagte er laut, weil niemand anderer da war, der jetzt die Wahrheit aussprechen konnte. Weil es niemandem außer ihm selbst auf der Welt gab, mit dem er sprechen wollte. Langsam stand er von seinem Küchenstuhl auf, lief ins Schlafzimmer und zog sich ohne zu duschen frische Klamotten an. Körperhygiene spielte jetzt keine übergeordnete Rolle mehr in seinem Leben. Eine dunkelblaue Jeans und ein schwarzes T-Shirt, darüber ein schwarzer Wollpulli – die Klamotten passten wirklich prima zu seiner Stimmung der letzten Tage.
Während er sich dick einpackte, um der Kälte draußen standzuhalten, verabschiedete er sich in Gedanken von seiner Wohnung. Er würde nicht mehr herkommen, nie mehr. Sie konnte ruhig so unaufgeräumt bleiben, was interessierte es ihn schon, wie andere Menschen in Zukunft über seinen Ordnungssinn denken mochten. Er war schon zur Tür hinaus, da hielt er inne und lief noch einmal zurück. Neben dem Bett lag noch immer der Zettel aus der Klinik. Micha bückte sich und steckte ihn in die Hosentasche. Möglicherweise würde er den noch brauchen. Dann machte er sich auf den mühsamen Weg zur U-Bahn, für den er früher immer nur ein paar Minuten gebraucht hatte. Er wusste nicht was ihm mehr Energie geraubt hatte: Der Krebs oder die Tatsache, dass er jetzt wusste, dass er Krebs hatte. Dennoch musste er heute einfach noch etwas unternehmen. Auf den Zoo freute er sich schon richtig, vielleicht würde er dort auch sein schlechtes Gewissen wegen dem Telefonat mit seiner Mutter besser verdrängen können.
Die U-Bahn kam geräuschlos in den Bahnhof gefahren. Nur eine Handvoll Leute warteten hier, der abendliche Verkehr hatte noch nicht wieder angefangen. Die meisten Berliner saßen vermutlich irgendwo in einem Café oder schon in einer Kneipe, wenn sie heute überhaupt das Haus verließen. Micha stand mit den Händen in den Taschen da und fror trotz der scheinbar milden herbstlichen Temperaturen. Zumindest war von den Leuten um ihn herum niemand besonders dick angezogen, oder wirkte als würde er frieren. Als die Bahn hielt, stieg Micha ein und setzte sich in das nächste der langgezogenen Abteile. Die Türen schlossen sich und der Zug beschleunigte augenblicklich. Die mit Kunstfell gepolsterten Sitzbänke waren bequem und noch nicht zu sehr durchgesessen, nur farblich war dieser Zug nicht besonders gut geraten. Das Dunkelrot der Wände passte zwar zum dunklen Boden, aber das ausgeblichene Grün der Polster ließ den Zug alt und ein bisschen schimmlig wirken. Es war vermutlich ein älteres Modell. In diesem Abteil saßen nur zwei andere Leute. Eine junge blonde Frau las in einem zerfledderten Roman und wippte mit ihrem Fuß im Takt zur Musik, die aus ihren überdimensionierten Kopfhörern drang. Neben ihr saß ein Mann, den Micha auf Mitte 40 schätzte. Der Anzug, den er trug, fiel sofort ins Auge. Er war komplett schwarz und saß so perfekt, dass er maßgeschneidert sein musste. Das Material sah sehr teuer aus. Der Mann hatte kurze, schwarze Haare, zwischen denen allerdings schon die ersten grauen Strähnen zu erkennen waren. Sein Gesicht wirkte kantig, aber nicht unfreundlich. Die vielen Falten und tief eingegrabenen Augenringe ließen darauf schließen, dass er sich in seinem Leben nicht viel Ruhe gegönnt hatte. Micha war überrascht. Wenn er sich nicht irrte, saß er hier mit einem Professor oder irgendeinem anderen hohen Tier in einem Abteil, so etwas war ihm noch nie passiert. Auf jeden Fall musste es jemand sein, der in seinem Leben viel gearbeitet hatte. Micha hatte schon seit Jahren niemanden mehr gesehen, der so erschöpft aussah. Die meisten von ihnen nutzten nur die Taxis, vermutlich um nicht mit dem ungebildeten Pöbel in Berührung zu kommen. Doch irgendetwas passte nicht an diesem Mann. Ihm fehlte die typische Mischung von Stolz und Arroganz, die seinesgleichen normalerweise umgab. Er wirkte traurig, fast schon zerbrechlich. Seien Hände spielten nervös mit etwas silbernem. Bei genauerem Hinsehen erkannte Micha, dass es eine Münze war. Er drehte sie immer wieder in seiner Hand, ließ sie über seine Fingerknöchel wandern und danach eine Weile zwischen Daumen und Zeigefinger rotieren. Das wiederholte er wieder und wieder.
Während Micha noch überlegte, was es mit dieser Münze wohl auf sich haben konnte, nahm der Zug eine scharfe Kurve und dem Mann rutschte die Münze aus der Hand. Mit einem dumpfen Geräusch fiel sie zu Boden. Der Mann im Anzug hechtete ihr sofort hinterher, während sie über den Boden kullerte, als handele es sich um einen Gegenstand von unschätzbarem Wert. Doch der Zug war zu schnell für solche Manöver. Er verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Die Frau mit den Kopfhörern sah kurz auf, widmete sich dann aber sofort wieder ihrem Roman ohne eine Miene zu verziehen. Micha sah die Münze vorbeirollen, griff zu und erwischte sie gerade noch rechtzeitig. In diesem Moment wurde der Zug langsamer, sie fuhren wohl wieder in einen Bahnhof ein. Während er noch einen kurzen Blick auf die Münze warf, stand Micha auf. Er musste sich am Geländer an der Decke festhalten, um nicht ebenfalls hinzufallen. Er streckte seine Hand aus und half dem Mann auf die Beine, dann gab er ihm seine silberne Münze zurück.
„Danke. Vielen Dank!“, sagte der Mann und lächelte dankbar. Micha nickte ihm einfach nur zu. Der Mann stand noch etwas wacklig auf den Beinen. Er wirkte verlegen und zerstreut. Während er sich nun ebenfalls mit einer Hand am Geländer festhielt, klopfte er sich mit der anderen den Staub von seinem Anzug, den er durch seine Bruchlandung aufgesammelt hatte. Als die Türen sich öffneten, stieg er sofort aus.
Micha nahm wieder Platz. Auf der Münze war das Profil einer Frau abgebildet gewesen, soviel hatte er gesehen. Gerne hätte er den Mann, der offensichtlich noch nie mit der U-Bahn gefahren war, gefragt, wer er war, und was es mit der Münze auf sich hatte, doch der Mann war zu schnell weg gewesen. Vielleicht war die Münze ein Erbstück, oder es war seine Freundin, Geliebte oder Ehefrau, die darauf abgebildet war. Er würde es nie erfahren.
Ihm wurde klar, dass er gerade das erste Mal seit Tagen nicht über die Diagnose, nicht über den Krebs nachgedacht hatte. Ihm kam der Gedanke, dass es wahrscheinlich nicht allzu klug gewesen war, sich die ganzen letzten Tage allein in seiner Wohnung zu verbarrikadieren. Zwar hätte es vermutlich nichts an seiner Entscheidung geändert und schon gar nicht an der Diagnose, aber der Sog des Selbstmitleids hätte ihn wohl weniger stark ergriffen, wenn er sich mehr unter Leute begeben hätte. Wenn er sich mit jemandem über das unterhalten hätte, was sich da in seinem Innersten zusammenbraute.
Am Bahnhof Zoo stieg Micha aus der Bahn und lief nach draußen, seine Gedanken schwankten zwischen seinem Selbstmitleid und Neugier, warum der Mann mit der Münze wohl so traurig ausgesehen hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug von der kühlen Herbstluft und spürte im selben Moment, dass das keine gute Idee gewesen war. Augenblicklich fing er wieder an zu husten. Es schmerzte höllisch in seinen Lungen und er brauchte all seine Kraft und Konzentration um sich ein Stück von den Leuten um ihn herum weg zu schleppen. Er wollte nicht, dass jemand sah, dass er Blut spuckte.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Dem Ende entgegen (3)

Einen wunderschönen guten Tag,

es hat eine ganze Weile gedauert, aber jetzt ist der dritte von den elf Teilen der Geschichte endlich fertig. Ich hoffe er wird euch gefallen. Mit etwas Glück kommen die nächsten Teile wieder schneller,

Fühlt euch gegrüßt

Larry deVito

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Arno Wilhelm - Dem Ende entgegen - Download Kapitel 1 - 3

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Kapitel 3

„Ich will deine Stimme nicht mehr hören, ich will dich nicht sehen, ich will, dass du mich nicht anrufst. Ich brauche einfach Abstand, wenigstens für ein paar Wochen.“
Ihre Stimme klang nicht wütend oder aufgeregt, doch dieser kalte, nüchterne Ton machte Tim mehr Angst, als es ein hysterischer Wutanfall getan hätte.
„Das ist bei mir angekommen, du musst es nicht noch öfter wiederholen. Aber kannst du mir vielleicht verraten, warum? “
„Weil du mich nicht liebst…“
„Helena!“, unterbrach er sie. „Du weißt genauso gut wie ich, dass das nicht stimmt.“
„Lass mich einfach ausreden. Natürlich liebst du mich irgendwie, du hast Gefühle für mich, aber du liebst mich nicht so, wie du deine Arbeit liebst, wie du es liebst dich vor deinen Studenten wichtig zu machen und von ihnen angehimmelt zu werden.“
Ihre Stimme, die gerade eben noch fest und kräftig gewesen war, wurde schwächer und brach ab.
„Es ist nichts Besonderes passiert, während du weg warst. Aber vielleicht ist es gerade das. Es passiert nichts mehr - zwischen uns, meine ich. Irgendwie ist mir das in den letzten Tagen klar geworden und ich glaube, nichts in der Welt, nichts was du sagst, kann das jetzt gerade wieder ins Lot bringen. Ich habe das Gefühl, ich komm schon lange nicht mehr an dich heran. Als ob…“
Sie schien nicht zu wissen, wie sie den Satz vollenden sollte.
„Als ob was?“
Tim hätte nie gedacht, dass der Tag so enden würde. Voller Vorfreude auf Helena hatte er sich durch den Regen gequält, um endlich nach Hause zu kommen. Nur zwei winzige Tage war er weg gewesen, und doch hatte er sie schon so furchtbar vermisst, als wären sie ein halbes Jahr oder noch länger voneinander getrennt gewesen. Doch statt ihrem Lächeln und vielleicht einem vorgekochten Abendessen, hatte ihn im Flur ihrer gemeinsamen Wohnung ein bis an den Rand vollgepackter Koffer erwartet. Sie war im Wohnzimmer gewesen, in seinen antiken Schaukelstuhl gelehnt. Hatte einfach mit einer Tasse Tee in der Hand auf ihn gewartet, und ihm verkündet, dass es aus war.
„Als ob…“, fing sie den Satz ein weiteres Mal an. „Als ob du mich gar nicht mehr kennst.“
„Das ist doch blanker Unsinn. Und das weißt du! Was ist der eigentliche Grund? Was ist passiert während ich weg war?“
Seine Stimmung schwankte zwischen Wut, Trauer und unbeschreiblicher Frustration.
Er sah, dass sie weinte, und wusste nicht, ob er auf sie einreden, sie anschreien, oder sie in Ruhe lassen sollte. Vielleicht würde sie ja in den nächsten Tagen wieder zu Besinnung kommen, und alles wäre wie immer. Statt irgendetwas zu tun, stand er einfach nur da, auf der Suche nach den richtigen Worten, und sah ihr beim Weinen zu.
Und dann war sie weg. Einfach weg. Ein kurzer Abschiedskuss, ein paar gemurmelte Worte, Tränen in ihren Augen, dann die Tür, die ins Schloss fiel. Wie paralysiert war er dagestanden, vollkommen überfordert mit der Situation. Weit von dem Grad an klarem Denken entfernt, dessen er sich sonst so rühmte. Mit zitternden Fingern hatte er sich einen Brandy eingeschenkt und sich in den Schaukelstuhl gesetzt, in dem gerade noch Helena gesessen und auf ihn gewartet hatte. Was war hier passiert? Was für Gründe konnte es haben, dass Helena ihn verlassen wollte oder vielmehr gerade verlassen hatte? Dieser Satz, dass nichts Besonderes passiert sei in den letzten Tagen, war ja sicher nicht ihr Ernst gewesen. Hatte sie sich in einen anderen verliebt? Vielleicht war er wirklich zu viel in der Uni gewesen, aber das war doch nichts Neues. Das war schon als sie sich kennengelernt hatten so gewesen. Er konnte es sich einfach nicht erklären, es nicht begreifen.
Als die Flasche Brandy sich ihrem Ende entgegen neigte, hatte er bereits 14 Nachrichten auf Helenas Mailbox hinterlassen, ihr unzählige E-Mails geschrieben und erfolglos etliche Hotels abtelefoniert, wo ihn freundliche Computerstimmen darauf hingewiesen hatten, dass sie ihm über die Gäste ihres Hauses leider keinerlei Auskünfte geben dürften. Bisher hatte Helena weder zurückgerufen, noch sonst auf irgendeine Art und Weise reagiert. Zu gleichen Teilen betrunken, traurig und verwirrt legte er sich ins Bett und fiel schon bald in einen unruhigen Schlaf, aus dem er immer wieder hochschreckte, nur um Helenas Teil des Bettes verlassen und unberührt neben sich zu sehen.

Tims Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sein Blick schweifte zu dem kleinen Tisch am Fenster. Es war der Tisch, an dem sie auch damals gesessen hatten. An dem Tag, als er Helena den Antrag gemacht hatte. Einerseits kam er sich seltsam pathetisch vor, heute ausgerechnet hier essen zu gehen, andererseits wurde es dem Anlass auf eine ganz eigene Art gerecht. Wieder sah er auf die Uhr, es waren noch fast sechseinhalb Stunden. Seit er das letzte Mal geguckt hatte, waren nur ein paar Minuten vergangen. Das Restaurant in dem er saß, war minimalistisch eingerichtet, aber die Kombination der massiven schwarzen Tische mit den grauen und weißen Wänden hatte eine angenehme Wirkung. Zusammen mit dem gedämpften orangen Licht, das von den Strahlern überall im Raum ausging, sah der Raum geschmackvoll und edel aus. Bei jedem Besuch hier hatte Tim versucht einzuschätzen, ob es wohl damals noch von Menschen eingerichtet worden war, oder ob es Roboter nach Design-Katalogen und Richtlinien bestückt hatten. Bis heute war er sich mit der Antwort nicht sicher.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein weißes Tablett das den Ausmaßen seines Tisches entsprach, sich wie von selbst in seine Richtung bewegte. Darauf stand sein Essen, ein Glas und eine Flasche Mineralwasser. Ursprünglich hatte vorgehabt, heute etwas außergewöhnliches zu essen. Ein Gericht, das er sich noch nie zuvor bestellt hatte, dazu vielleicht ein seltener Wein aus dem vergangenen Jahrtausend. Doch als er hier angekommen war, hatten ihm die Erinnerungen an Helena und die unzähligen Male, die sie hier zusammen gegessen hatten, den Appetit verdorben und er hatte einfach das Übliche bestellt. Das Tablett hielt direkt neben Tim an und schob sich langsam auf seinen Tisch. Der kleine graue, rechteckige Roboter, der darunter zum Vorschein kam, nutzte seine kleinen Greifarme, um es exakt auf die Tischplatte zu positionieren, dann rollte er wieder Richtung Küche davon.
Das Tablett war aus dünnem weißem Marmor und bildete einen schönen Gegensatz zur schwarzen, glatten Oberfläche des Tisches darunter. Das Essen sah aus wie immer und Tim wusste, dass es perfekt schmecken würde. Wie immer. Die Küchenroboter, die es gekocht hatten, machten keine Fehler, schließlich war dies hier ein nobles Restaurant. In den billigen Imbissen, wo mit veralteten Programmen und betagten, teilweise schrottreifen Robotern gearbeitet wurde, kam es durchaus vor, dass ein Schnitzel angebrannt war, oder ein Braten zu lange im Ofen gelegen hatte. Über diese Probleme hatte Tim im vorletzten Semester Studien durchgeführt, um die Problematik veralteter Technik und mögliche Mittel dagegen analysieren zu können. Doch hier gab es so etwas nicht. Diese Gleichmäßigkeit des Lebens, die er bisher immer so geschätzt hatte, hatte begonnen ihn zu langweilen. Perfektion, die so weit getrieben war, dass es uninteressant wurde. Es hatte schon angefangen, bevor Helena gegangen war, doch in den letzten Wochen fand er überhaupt nichts mehr, woran er sich noch wirklich erfreuen konnte. Er saß in einem der besten Restaurants der Stadt, vor sich ein tadelloses Angus-Steak, einem seiner Lieblingsgerichte, und doch konnte er nicht anders, als in Selbstmitleid und Trauer zu baden.
Eine Stimme hinter ihm riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
„Tim? Dich hab ich ja lange nicht gesehen. Wie geht’s dir?“
Schon bevor er sich umgedreht hatte wusste er, dass es Jakob war, Prof. Dr. Dr. Jakob Linz, um genau zu sein. Ein Kollege von der Uni, mit dem er sich immer gut verstanden hatte, auch wenn sie an verschiedenen Fachgebieten arbeiteten und kaum etwas miteinander zu tun hatten. Halbherzig zwang er seine Mundwinkel zu einem Lächeln als er zu Jakob aufsah, machte sich aber nicht die Mühe aufzustehen, als sie einander die Hand reichten.
„Mir geht es ganz gut. Und dir?“
„Super. Wir haben gerade ein neues Projekt begonnen.“
Jakob lächelte begeistert. In seinem schwarzen Maßanzug mit goldenen Manschettenknöpfen und gold schimmernder Krawatte wirkte er hier trotz der Exklusivität des Restaurants beinahe zu gut angezogen. Ein sportlicher Mann, dessen kantiges Gesicht und krumme Nase nicht so recht zu seinem außerordentlich hohen Intellekt passen wollten. Er wirkte nie wie ein Akademiker, eher als müsste er gleich zurück aufs Rugby-Feld. Beim Gedanken an seine nächsten Forschungen wirkte er stolz und glücklich, voller freudiger Erwartungen.
„Wir wollen die humanoide Neo-Robotik erweitern. Um das zu feiern, war ich mit Laurens und seiner Frau hier essen, die sind aber schon wieder weg. Momentan arbeiten wir zu dritt an dem Projekt. Wenn alles klappt werden wir den Robotern ein breiteres Spektrum an Emotionen und Ausdrucksmöglichkeiten zu geben.“
Tim hatte das Interesse schon nach dem „Super“ verloren. Während Jakob weitersprach, nickte er nur noch, lächelte, und murmelte hier und da unverständliche Laute. Nach ein paar weiteren Sätzen während denen Tim sich keinerlei Mühe gab, dem Monolog seines Kollegen zu folgen, war das Gespräch vorbei und Jakob verabschiedete sich in Richtung Tür.
So war es Tim immer gegangen in den letzten Wochen, bei jeder einzelnen Unterhaltung. Mit Studenten ebenso wie Kollegen. Er wusste, dass ihn ein solches Projekt früher brennend interessiert hätte, wahrscheinlich hätte er Jakob an seinen Tisch gebeten und sie hätten gemeinsam noch stundenlang begeistert darüber diskutiert, was die nächsten Schritte in der Robotik waren und wie das die Wirtschaft und die sozialen Verhältnisse beeinflussen würde. Doch nun versuchte er nur noch jede Form der Unterhaltung zu meiden, oder möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Tim starrte auf seinen Teller hinab. Das Steak war mittlerweile kalt geworden. Er aß ein paar Bissen davon, stocherte lustlos im Gemüse und den Bratkartoffeln, dann entschied er sich zu gehen. „Der Appetit kommt beim Essen“, hatte seine Mutter früher immer gesagt, und ihm bei jeder Mahlzeit Nachschlag auf den Teller geschaufelt. Heute war er sich nicht mehr sicher, ob das so stimmte.
Mit einem Schulterzucken schob er den Teller von sich, stand auf, zog sich seinen Mantel an und ging Richtung Ausgang. Wieso war er überhaupt hierhergekommen? Dass dieser Ort der Erinnerungen an seine Zeit mit Helena ihm keine angenehme Stimmung bescheren würde, hätte er sich auch denken können, dachte Tim verärgert. Wie sollte er den weiteren Tag verbringen? Was gab es noch, was er gerne tun wollte? Auf diese Frage hatte er noch immer keine Antwort.
An der Tür angekommen, drückte er seinen Finger auf den Scanner. Das Geld für das Essen würde ihm automatisch vom Konto abgebucht werden. Die Tür schwang auf und eine metallische Stimme verabschiedete ihn mit den Worten:
„Vielen Dank, dass sie unser Gast waren. Beehren Sie uns bald wieder!“
Er hätte nicht hierher kommen sollen, dachte Tim.